DER TOTE IM REISFELD…


Viet_BURROGHS_GREENGRASS_1.jpg

Das Gras des Reisfeldes wirkte unwirklich grün in der Morgensonne jenes 11. Oktober 1966. Es lag irgendwo im Süden der ‚entmilitarisierten‘ Zone in Vietnam, in der Provinz Quáng Tri. Die 47-Mann Einheit der 1. Marinedivision / 2. Bat. / H-Kompanie / 3. Platoon von Platoonleader Sgt. Ronald Hoole war im Rahmen der „Operation Prairie“ abkommandiert, um eingesickerte Verbände der Nordvietnamesen aufzuspüren und zu bekämpfen. Der Feind, bei den US-Marines „Charlie“ genannt, war offenbar bereits überall!

An jenem Tag erhielt Sgt. Hoole den Befehl, mit seinem Trupp einer anderen Einheit zu Hilfe zu kommen, die unter schwerem Feindfeuer lag. Dazu sollten sie ein offenes Reisfeld überqueren. Hoole rief: „Das ist Selbstmord!“

Das Gras wogte unwirklich grün im warmen Wind und von überall her konnte man Schüsse vernehmen, vermischt mit dem Knattern von Dauerfeuer. Es roch nach Pulver, Anspannung und Schweiß.

Viet_BURROGHS_GREENGRASS_2

Die Garben eines feindlichen Maschinengewehrs surrten, blitzenden Strichen gleich,  über die surreale Landschaft, durch die sich der kleine Trupp in weitgefächerter Formation laufend vorwärts bewegte.

Das grüne Gras wurde für die Marines zu einem endlosen Meer und die Ausrüstung wog immer schwerer.

Der 19-jährige LCPL Hammond sackte getroffen zusammen und Hoole, Jimenez, O’Connor and Holloway eilten mit eingezogenen Köpfen zu ihrem Kameraden, um ihm beizustehen. Hammond hatte noch am Vorabend beim Pokern sechs Dollar an O’Connor verloren – und aus der Brusttasche des zusammengekrümmten Körpers lugte eine Pick-As aus dem Kartenspiel hervor.

Viet_BURROGHS_GREENGRASS_3

Die vier duckten sich in der grünen, feuchten Endlosigkeit und bemerkten einen Einschuss, der seitlich durch Hammonds linker Splitterschutzweste in seine Brust eingedrungen war. Die Lunge des Getroffenen war kollabiert, er konnte kaum noch atmen und röchelte schwer. Hoole drückte ihm ein Verbandspäckchen auf die Wunde und beatmete seinen Kameraden. Dann packten sie gemeinsam den Jungen und hasteten eine halbe Ewigkeit durch das Reisfeld zurück, während das restliche Platoon ihnen Feuerschutz gab.

Das Gras wogte unbeeindruckt weiter im Wind und ihre Stiefel wogen in der nassen, tiefen Erde mit jedem Schritt schwerer.

Kurz vor ihrer Rückkehr zum Sammelpunkt schoß der Fotograf Larry Burrows sein episches Bild von den vier Marines, die ihren tödlich verwundeten Freund zurückschleppen. Sgt. Hoole hatte gar nicht gemerkt, dass Hammond noch einen weiteren Treffer der MG-Salve unter seiner rechten Achsel erhalten hatte, als er vom ersten Schuß herumgewirbelt wurde. Mit zwei zerfetzten Lungen konnte der 19-Jährige nicht lange überleben, obwohl er sofort in einen Rettungshelikopter verladen wurde.

Ich erinnere mich noch heute an dieses Bild von Larry Burrows mit dem unwirklich grünen Gras, und den entrückten Gesichtsausdrücken der Marines, das ich einst als Kind im Time-Magazin entdeckt hatte.

Dieses Foto ließ mich nie mehr los.

Das Gras wogte bis heute.

Viet_L E HammondMac

Obergefreiter, LCPL Leland E. Hammond, aus Sumter/S.C., *18.4.1947 +11.10.1966

Heute hätte Leland E. Hammond seinen 51. Geburtstag gefeiert. Sein Licht verlosch vor seinem 20. Lebensjahr in einem Reisfeld mit leuchtend, grünem Gras – viel zu jung und fernab seiner Heimat in einem Krieg, dessen wahre Ursachen damals kaum jemand zu erahnen vermochte.

Herzlichst,
euer FS3,
das andere Fern-Seh-Programm.
Denn Nach-Richten war gestern

War on ‘error, Folge 1966: “Goodbye – it’s hard to die”

Viet_BURROGHS_GREENGRASS_5 orig.jpg

Bildnachweis, Original (für vergrößerte Ansicht klicken): “Four Marines recover the body of a fifth as their company comes under fire near Hill 484.” Vietnam, October 1966. NOTE: At right is the French-born photojournalist Catherine Leroy (1945 – 2006); she was cropped out of the version of this photo that originally ran in LIFE. (Larry Burrows—Time & Life Pictures/Getty Images)

Viet_larry_burrows_26-71Kriegsfotograf Larry Burrows (1926-1979)

Larry Burrows (*1926) wurde 1979, zusammen mit drei Kollegen in einem US-Hubschrauber über Laos abgeschossen. Lange galt er als vermißt. Erst 1998 konnten der ehemalige AP Korrespondent Richard Pyle und der Fotograf Horst Faas, die Burrows aus Vietnam gut kannten, die sterblichen Überreste finden und heim nach Amerika überführen lassen.

Advertisements